Es gibt Orte, an denen Geschichte ein Segen oder ein Fluch zu sein scheint. Die Einwohner leben in ihrem Schatten, sie sind jeden Tag gezwungen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Selbst, wenn sie bereit wären, die Geschichte zu vergessen, kehrt sie mit den ankommenden Besuchern immer wieder zurück. Eine reiche Geschichte ist nicht nur eine Quelle des Ruhms, sondern auch des Profits. Selbst in diesem Fall wird sie für die Ortsbevölkerung zur Last, sogar zur Qual. Beim Versuch, sich durch die Touristenmassen zu drängeln, die etwa in italienischen Städten alle Wege verstopfen, erfährt man unmittelbar die negativen Seiten eines solchen Ruhms.

Krzyżowa (dt. Kreisau), ein kleines, in der Nähe der Eulengebirge gelegenes Dorf ist – zumindest bis jetzt – kein zwingendes Ziel für die Touristen. Es ist aber ein Beispiel, wie große Geschichte mit ihren dramatischen Wenden, aber auch Zeiten einer ruhigen Entwicklung, die von bedeutenden Persönlichkeiten gemacht wird, in unserer nächsten Umgebung passieren kann. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Ortschaft nicht sonderlich von den anderen. Allerdings war sie in den letzten zwei Jahrhunderten Zeuge wichtiger historischer Ereignisse. Das erste ging mit den deutschen Eigentümern des Dorfes, der Familie von Moltke einher.

Der erste Besitzer, Helmuth von Moltke, war ein bedeutender Militär, erfolgreicher Kriegsherr, guter Hausherr und ein begabter Schriftsteller. Seinetwegen besuchte Kaiser Wilhelm II. Kreisau. Während des Zweiten Weltkrieges fanden auf dem Gut der Familie von Moltke die Sitzungen einer Widerstandsgruppe statt, die in die Geschichte als Kreisauer Kreis eingegangen ist.

Ein weiteres Mal wurde das Dorf im Zusammenhang mit der sogenannten Versöhnungsmesse in der Öffentlichkeit wahrgenommen, an der Tadeusz Mazowiecki, der erste nichtkommunistische polnische Ministerpräsident nach 1945, sowie der Bundeskanzler Helmut Kohl teilgenommen hatten. Die UdSSR brach bald zusammen, es begann ein großartiger, mit vielen Hoffnungen verbundener „Herbst der Völker“.

Die Aufenthalte der beiden deutschen Persönlichkeiten in dem niederschlesischen Dorf waren in gewissem Sinne mit der Vereinigung Deutschlands und einer neuen Ordnung in Europa verbunden. Der Besuch des Kaisers, der von einer Hegemonie seines Staates auf dem Kontinent und der Welt träumte, bei dem verdienten und hochbetagten Feldmarschall war eine große Ehre und der Ausdruck einer Wertschätzung für den Mitbegründer der Einheit Deutschlands und seiner militärischen Macht.

Die Messe und das deutsch-polnische Treffen im Jahre 1989 erinnerten an einen anderen von Moltke, Helmuth James, der sich dem von Hitler aufgebauten Imperium vehement widersetzte und dadurch die militärische preußisch-deutsche Familientradition infrage stellte. Obgleich nur Worte und Gedanken seine Waffe waren, bezahlte er mit dem Leben den höchsten Preis für seinen Kampf. Diese bewusste Anknüpfung an das sogenannte andere Deutschland war eine symbolische Geste, sie eröffnete eine neue Etappe in den deutsch-polnischen Beziehungen.

Diese Ereignisse bilden drei Leitlinien in der historischen Tradition Kreisaus: Die erste war durch die Armeemacht und die Vereinigung unter der Herrschaft der preußischen Dynastie bedingt, die zweite ergab sich aus dem mutigen Widerstand gegen die blanke Gewalt sowie den eigenen menschenverachtenden und totalitären Staat, und schließlich war die dritte mit der Überwindung des jahrzehntelangen „Fatalismus der Feindschaft“ und mit dem Bau der gutnachbarlichen Beziehungen verbunden. Alle diese Leitlinien sind in Kreisau deutlich vertreten.

Im Vergleich mit vielen anderen Adelsresidenzen in Niederschlesien hatte Kreisau relativ großes Glück. Trotz Zerstörungen und Verwüstung blieb an der materiellen und symbolischen Substanz viel erhalten; daran konnte – in der inzwischen veränderten politischen Situation nach 1989 – angeknüpft werden. Überdies wurde beschlossen, eben diesem Ort einen neuen Stellenwert zu geben, was für die aktuelle, die vierte Leitlinie steht. Sie wird von der seit über 25 Jahren tätigen Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung umgesetzt. Ihr Ziel ist es, Barrieren zu überwinden und Versöhnung zu stiften, Annäherung zwischen Einwohnern unseres Kontinents, vor allem zwischen Jugendlichen zu fördern, Meinungsaustausch und Zusammenarbeit zu unterstützen. Diese Arbeit für die Zukunft Europas ist besonders heute sehr wichtig und aktuell, weil es so scheint, als ob die Erinnerung an die Tragödie der Kriege in Europa verblassen würde. Gleichzeitig gewinnen antidemokratische und nationalistische Kräfte an Bedeutung. Die Geschichte Kreisaus zeigt, wie das enden kann …

Die Fotos, die ich in diesem Fotobuch veröffentlicht habe, illustrieren drei unterschiedliche, jedoch stark miteinander verbundene Traditionen. Es ist ein Vorschlag und kein abgeschlossener Prozess. Bis heute wird nämlich über die Notwendigkeit und den Umfang der Darstellung jeder von ihnen diskutiert. Nur indem die Traditionen miteinander verbunden werden, kann meiner Meinung nach die Botschaft dieses Ortes richtig verstanden werden. Unabhängig vom Ergebnis der Debatte ist es wert, das Potenzial des Ortes zu zeigen, seine Spezifik zu verstehen sowie die Schönheit der niederschlesischen Landschaft hervorzuheben. Falls die Leser dieses Fotobuches über Kreisau und seine wechselvolle Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert etwas mehr erfahren wollen, so würde ich auf mein Essay „Kreisau (neu-)gelesen“ hinweisen. Das Buch ist im polnischen ATUT-Verlag erschienen.

Obschon ich Kreisau seit mehreren Jahren fotografiere, konnte ich zum ersten Mal die Fotos mit einer Drone machen. Das Fotobuch besteht aus fünf Teilen, die durch die Topografie dieses Ortes vorgegeben sind. Ich schlage einen Spaziergang durch Kreisau vor, der von Raum und Zeit geprägt ist. Den Anfang macht das Berghaus (einst ein Domizil für Familienwitwen, in den 1930er Jahren ein Zufluchtsort für die Familie von Moltke), dann führt der Weg zum Schloss. Der dritte und vierte Teil konzentriert sich auf die Kirche und den Kapellenberg, der fünfte auf die Bahnstation, von der man einst nach Berlin fahren konnte. Der sechste und letzte Teil stellt eine Open-Air-Ausstellung dar; hier fallen vor allem interessante geometrische Figuren auf, die mit der Umgebung sehr gut korrelieren.

Krzysztof Ruchniewicz, Kreisau. Eine Reise durch Raum und Zeit, Wroclaw 2017, 83 S.